A Beautiful Mind
Veröffentlicht auf 9. September 2011
"A Beautiful Mind" ist ein Film wie sein Thema. Diese lose Biographie des Mathematikgenies John Nash, der sich durch jahrelange Schizophrenie und Paranoia kämpfen musste, um dann letztendlich einen Nobelpreis für
seine Verdienste in Empfang zu nehmen, ist ein wenig wie Nash selbst: Die Brillanz brodelt ständig unter der Oberfläche, aber sie wird von anderen Einflüssen davon abgehalten, sich voll zu entfalten. Dieser Film, in all seiner Kalkuliertheit, seiner Umsetzung mit der Oscarnominierung im Hinterkopf, sollte nicht funktionieren - und tut es erstaunlicherweise über weite Strecken doch.
Gleichwohl stellt "A Beautiful Mind" jeden Rezensenten vor ein enormes Problem. Zuviel über die Geschichte und ihre verzwickte eigene Logik zu verraten, hieße ihn seiner Stärke zu berauben. Mit erstaunlich vielen kleinen dunklen Momenten für einen Feelgood-Regisseur wie Ron Howard schreitet dieser Film fort. Dabei ist das Geheimnis von "A Beautiful Mind" nicht so sehr eine Pointe im Sinne von "The Sixth Sense" sondern vielmehr die Essenz der Geschichte. Howards Regie und das brillante Spiel machen es in den intensivsten Szenen möglich, das Gefühl von Schizophrenie nicht nur erzählt zu bekommen, sondern zu erleben. Leider gibt es für jede dieser Szenen eine Szene voll unnötiger Hollywoodroutine. Gerade im letzten Drittel des Films schlagen Howards ("Der Grinch", "Apollo 13") übliche Untugenden, beispielsweise das Überziehen seiner Geschichten mit einer gehörigen Portion Schmalz, deutlich durch und hier wird dann ein tränenschwangerer Seifenopernmoment an den anderen gehängt. Was freilich die
vorausgehenden knapp zwei Stunden nicht weniger intensiv oder interessant macht, den Gesamteindruck jedoch deutlich stört. Zumal man sich den größten Fehltritt mit der Filmmusik von James Horner leistet, einer seiernden pompösen Kitschangelegenheit, die dann nur noch getoppt wird von dem wahrlich unglaublichen Schmachtfetzen "All Love can be" - ein Graus von einem Lied - von der "niedlichen" Charlotte Church, direkt aus Amerikas Wunderkind-Klonfabrik.
Das musikalische Dilemma kennzeichnet das Dilemma des Films, der in sich selbst ein wenig schizophren ist: In seinen besten Momenten - beispielsweise der auch visuell brillanten Umsetzung von Nashs Gabe, für andere unersichtliche Codes zu erkennen - erreicht Howard eine kaum für möglich gehaltene Spannung und Dramatik, die sich eben nicht aus aufmerksamkeitsheischendem Sensationalismus ergibt. Gleichzeitig scheint eine andere, weitaus bekanntere und berüchtigte Seite Howards nach eben diesen, jenen "großen Filmmomenten", zu schreien, einen Impuls dem der Regisseur Gott sei dank erst spät nachgibt. Der beste Teil des Films ist der düstere Mittelteil, in dem den Zuschauern und Charakteren gleichermaßen die erschreckenden Wahrheiten in Nashs brillantem Hirn offenbart werden, in dem die vorher seltsam klischeehaft anmutenden Figuren und Geschehnisse aus der ersten Hälfte plötzlich Sinn bekommen, eine verquere wie in sich stimmige Logik entsponnen wird.
Was diesen wie ein menschliches Gehirn wahnsinnig fragilen, stellenweise brillanten, stellenweise trivialen Film zusammenhält sind die Schauspielerleistungen. Dass Russell Crowe den Oscar für seine Rolle in "Gladiator"
im letzten Jahr bekam, weil er ihm unfairerweise ein Jahr zuvor für "The Insider" verwehrt wurde, ist ein offenes Geheimnis. Dass Crowe diesen Darsteller-Oscar für den völlig falschen Film bekommen hat ist spätestens jetzt ein Faktum. Seine Verwandlung hier versetzt ein weiteres Mal in blankes Staunen. Bei der Besetzung eines exzentrischen, introvertierten und linkischen Mathematikers wird wohl den wenigsten als erstes der bullige Australier in den Sinn kommen. Aber mit jeder Geste, jedem scheuen Blick zu Boden, vollbringt Crowe seine Meisterleistung in einer subtilen Darstellung, die man ihm - diesem Büffel von einem Mann - nie zugetraut hätte. Nicht weniger großartig Jennifer Connelly als Nashs mutige und lang leidende Frau Alicia. Karrierehöhepunkt, schlicht und einfach. Dass beide Darsteller für ihre Rollen Golden Globes einsackten
ist höchst berechtigt, gleichwohl darf man nicht die hervorragenden Leistungen von sowohl Paul Bettany als Nashs Zimmergenosse Charles als auch Ed Harris als CIA-Mann Parcher vergessen.
"A Beautiful Mind" ist ein Film, der sich selbst ein Bein stellt und daher kurz vorm Ziel ins Stolpern kommt. In seinem Begehren nach Anerkennung - sei es seitens der Academy Awards Jury, sei es seitens Kritiker, die Drama mit sozialen Anliegen seit jeher lieben - entwickelt man hier eine eigene, packende Art und Weise, das Phänomen Schizophrenie auf Zelluloid zu bannen um diese dann für Hollywoodroutine aufzugeben. Immerhin kann man sich trösten dass dieser Film sich für 2/3 auf dem richtigen Weg befindet, wo so manches Vehikel aus der Traumfabrik bereits nach fünf Minuten den Geist aufgibt. Apropos Geist: Hier sind wir wieder beim Anfangsproblem. Wäre Ron Howard ein wenig mehr wie John Nash, der zeitlebens auf der Suche nach einer original idea war, dann hätte hier ein Meisterwerk herauskommen können. So bleibt es bei einer Schauspieler tour de force mit brodelndem Unterboden. Und das entstammt zwar nicht einem brillanten Geist, anregende Geistesnahrung ist es aber schon. Und das ist in diesen Zeiten der Blockbustermentalität doch schon was.
Bilder: Copyright
Simon Staake
Ein herrlicher Film ...
P.Esche schau dir den mal an! Der ist genial.
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